Der Trierer Kreuzregen im Jahr 958

Für das Jahr 958 (das Jahr der Errichtung des Trierer Marktkreuzes) ist durch einen Mönch (Widukind) des Klosters Korvey (925-980) folgendes überliefert:

»Im nämlichen Jahre erschienen wunderbare Dinge, nämlich Zeichen des Kreuzes an den Kleidern vieler Leute. Durch diesen Anblick wurden die meisten von heilsamer Furcht ergriffen, befürchteten Unglück und taten gleichfalls Buße für ihre Sünden. 

Einige erklärten es auch für Aussatz der Kleider, weil ein darauf folgender Aussatz viele Menschen zugrunde richtete. Die Weiseren aber verkündeten, dass das Zeichen des Kreuzes Heil und Sieg bedeutet habe, und diesem stimmen wir auch getreulich zu.«

(Die Übersetzung des lateinischen Textes stammt von Reinhold Schottin, Widukinds sächsische Geschichten, Berlin 1852, S. 104).

       

Ähnliche Berichte finden sich auch in anderen Chroniken aus dem 10., 11. und 12. Jahrhundert:

Hildesheimer Annalen bzw. Quedlinburger- und Weißenburger Annalen (Ende des 10. Jahrhunderts), Annales Einsiedlenses, Thietmar von Merseburgs Chronicon um 1015, die Annales Sangallensis maiorees nach 1056 (für 956), die Chronica des Sigebert von Gembloux um 1110 und andere mehr. 

Obwohl neben schwäbischen und sächsischen Quellen auch eine lothringische, die Touler Bischofschronik (>1107), dieses Ereignis erwähnt, berichten weder die »Gesta Treverorum«, noch das Chronicon von St. Michael bei Verdun, die »Annales Virdunenses und Mettenses brevissimi« davon.

Der Maler Albrecht Dürer hat in seinem Tagebuch über ein ähnliches »Wunderwerk« im Jahre 1503 in Nürnberg berichtet, als auf viele Leute Kreuze gefallen seien, meist auf die Kinder.

Eines dieser »Kreuzeszeichen« soll auf das Leinenhemd einer Magd gefallen sein, die hierüber sehr betrübt war und weinte und sehr klagte, weil sie befürchtete, sie müsste bald sterben.

Die von Dürer hierzu angefertigte Skizze zeigt Flecken in Form einer Kreuzigungsgruppe (Christus am Kreuz mit Johannes und Maria). Das Tagebuchblatt mit Text und Skizze ist in vielen Dürer-Büchern abgebildet. Darin ist am Rande auch von einem Kometen die Rede, den er um diese Zeit sah.

Für die Jahre 1500 bis 1503 hat auch der Verfasser des Wunderbuches von Eberhardsklausen vier Seiten mit Zeichnungen von »Kreuzerscheinungen« überliefert nebst Berichten und Deutungsversuchen (Stadtbibliothek Trier: Ms. 1684/337, S. 142-156).

Dieses zuerst im Jahre 1500 in Lüttich aufgetretene Phänomen wurde nach zeitgenössischen Berichten auch in vielen anderen Gegenden beobachtet (Schlesien, Schweiz, Bayern, Westfalen u.a.) und versetzte die Bevölkerung in Angst und Schrecken.

Erzbischof Berthold von Mainz soll daher den Abt Johannes Trithemus beauftragt haben, dieses Phänomen zu erforschen, der hierüber unter dem Titel »De crucibus, quae in lineis vestibus hominum nostro apparuerunt temporare« ein Werk verfasste, das nicht veröffentlicht wurde.

Trithemus (von Trittenheim an der Mosel stammend) kannte sicher auch das Trierer Marktkreuz, denn er weilte öfters in Trier. Es ist daher denkbar, dass er sich in seinem Gutachten auch mit dem Kreuzregen des Jahres 958 befasst hat. Wenngleich das Manuskript verschollen ist, so hat sich jedoch folgende Überlieferung (Trithemius: Chronikon Sponheimense, S. 219. In: Sagen aus Rheinland-Pfalz, S.28) bezüglich des Phänomens um das Jahr 1500 erhalten:

»Im siebzehnten Jahr des Abtes Trithemus (1500) und dem nachfolgenden Jahr erschienen an den Leinenkleidern der Menschen wie an Hemden, Weiberröcken Tischtüchern und Leinenzeug Kreuze, nicht nur an solchen, die man im Gebrauch hatte, sondern auch an denen, die in Kasten verschlossen waren und keinem Einfluss der Luft zugänglich zu sein schienen. 

Auch an den Korporalen, den Altartüchern und den weißen Kirchengewandern wurden sie oftmals gesehen. 

In Sobernheim und Meisenheim sah man sie zuerst zum großen Schrecken und zur Furcht der Menge so plötzlich, dass sie manchmal, während das Salve in der Kirche gesungen wurde, dreißig Menschen an sich sahen, die so vorher nicht gehabt hatten. Nachher erschienen sie in Kreuznach und den umliegenden Dörfern, dann in Bingen und Mainz und in der Folge in vielen Orten Deutschlands. 

Die Kreuze waren klein, verschieden und ineinanderlaufend an Farbe, als wenn das Tuch mit einer mit Fettigkeit gemischten Farbe verschmiert worden sei. Sie konnten auch nicht weggewaschen werden, aber nach neun oder zehn Tagen verschwanden sie von selbst. Diesen Kreuzen ist zwei Jahre später an vielen Orten eine große Menschenseuche gefolgt.«

                 

Zum Trierer Kreuzregen im Jahre 958 wurden durch Peter Christoph Sternberg (1845) und Philipp Laven (1851) zwei Volkssagen überliefert:

Nach Sternberg verfinsterte sich eines Tages der Himmel und es regneten winzige Kreuze aus einer seltsamen Substanz herab, die auf der Kleidung der Menschen haften blieben und sich erst nach einer Weile auflösten. Die Trierer brachten dieses Ereignis mit einem Seher in Verbindung, dem sie kurz zuvor nicht geglaubt hatten, dass hinter dem Markusberg bewaffnete Ungarn lauerten. 

Nach dem Kreuzregen glaubten sie dem Seher und vertrieben den Feind. Nach Laven fielen in einer stillen und sternhellen Nacht kleine flimmernde feurige bzw. goldene Kreuze vom Himmel, die beim Erreichen des Bodens verschwanden. Die Trierer deuteten dies als Zeichen des Jüngsten Tages bzw. als Vorbote eines drohenden Weltunterganges.

Das Gedicht von Ph. Laven mit dem Titel »Das Marktkreuz« hat folgenden Wortlaut (Trier und seine Umgebungen in Sagen und Lieder, 1851, S.69-70. Unveränderter Nachdruck: Akademische Buchhandlung Interbook GmbH, Trier, 1995):

»Hell schien die stille Nacht, mit sternenheller Pracht: Da rauschte hoch vom Himmel, ein flimmerndes Gewimmel von goldenen Kreuzeszeichen, die kaum die Erd erreichen, verschwinden und erbleichen. Die Menschen angsterfüllt, beschauten starr das Bild, sie warfen sich zur Erde, mit flehender Gebärde, und Jammer scholl und Klage: Dies sei des Himmels Sprache am Jüngsten aller Tage. Der Bischof fromm erglüht, er setzte von Granit, dem Gläubigen zum Heile, die kreuzgekrönte Säule: Geheul und Angst zerstoben. Seitdem prangt hoch erhoben, der Kreuze Bild von oben.«

        

Eine dritte Version ist durch ein älteres Geschichtsbuch überliefert:

»Im Jahre darauf (958) errichtete Heinrich das Kreuz auf dem Hauptmarkte zu Trier zum Andenken an ein Wunder, das damals geschehen sein soll: Denn auf den Kleidern der Menschen hätten sich Kreuze gezeigt. Auch richtete er den Platz, auf welchem das Kreuz steht, zu einem Markte ein.«

(Quelle: Brouwer I 462 und Gesta 44). 


Eine ausführliche Version enthält das Buch »Sagen aus Rheinland-Pfalz« (Quelle: F. Menk, Des Moseltales Sagen, Legenden und Geschichten, Koblenz 1840, S. 231-233).

Hiernach soll sich der Kreuzregen am Trierer Hauptmarkt wie folgt zugetragen haben (Auszug):

»... Desselben Mittags aber, als auf dem Markt ... viel Menschen versammelt waren, umzog sich mit Blitzesschnelle der Horizont, es wurde dunkler und immer dunkler ... Urplötzlich ... entluden sich die Wolken; aber weder Schnee, Hagel noch Regen fiel herab, sondern eine Masse kleiner Kreuze bedeckte die Kleider der auf dem Markt Stehenden. Diese Kreuzlein aber waren aus einer seltsamen Masse und verloren sich alsbald ohne Spur...«