Karl der Große und seine Reformen 

Karl der Große verstand sich als Mittler zwischen Gott und Welt - nahm Hoheit und Verantwortung über die Kirche wahr. Dazu gehörten auch Kirchliche Reformen wie das Reformgesetz »Capitulare primum« aus dem Jahr 771.

Inhalte waren u.a. die Liturgiereform, Berichtigung des Bibeltextes und Herstellung von Abschriften, die Sonntagsruhe, die Bestrafung von Aberglauben und der Bau von Kirchen und Klöstern.

Die Kapitularien Karls des Großen ordneten an, dass jeder Christ das »Vaterunser« auswendig hersagen können sollte. Wer dies nicht vermochte, sollte nicht als Pate (Taufzeuge) zugelassen werden.

Zusammen mit dem Credo und den Zehn Geboten galt es als eine der Grundlagen, die jeder getaufte Christ lernen und wissen sollte. Der lutherische Katechismus knüpft an diese Tradition an.

Das Vaterunser erhielt damit schon früh einen festen Platz in der urchristlichen Gottesdienstliturgie. Gemäß der Didache 8,2f sollten Christen es auch privat dreimal am Tag beten.

In der katholischen Kirche ist das Vaterunser Bestandteil der Heiligen Messe, des Stundengebets, der Laudes und der Vesper sowie des Rosenkranzgebets.

Ein berühmter Theologe am Hof Karls des Großen, Alkuin, schreibt im Jahr 796: »Gewiss, zur Taufe kann man einen Menschen zwingen, aber das bedeutet keinen Fortschritt im Glauben. Darum müssen die Prediger das Heidenvolk mit friedlichen und klugen Worten im Glauben unterweisen.«

Zur Zeit Karls des Großen lagen sämtliche Kirchenschriften nur in Latein vor und selbst die Gottesdienste wurden auf Latein gehalten. Die vorhandenen Abschriften waren oft sehr fehlerhaft und stimmten mit den Originaltexten nicht mehr überein. Viele Geistliche verfügten über schlechte Lateinkenntnisse und konnten somit auch die Gottesdienste nicht korrekt leiten.

Für Karl den Großen machten diese Fehler und Wissenslücken der Geistlichen den Weg für die Bevölkerung zu einem wahren Glauben unmöglich. Ein großer Teil der Bevölkerung konnte kein Latein und verstand demnach nicht einmal das Vaterunser  - mehr ein Grund für Karl den Großen, eine für sein Volk verständliche Version zu schaffen.  

Durch die Bildungsreform sollten die Geistlichen und Gelehrten in der Lage sein, ihr Wissen an die Menschen weiterzugeben und so einen Weg zum wahren Glauben eröffnen.

Karl der Große initiierte deshalb umfangreiche Bildungsreformen. Karl wollte dem Verfall von Bildung und Christentum entgegenwirken durch die Verbindung von Weisheit und Frömmigkeit. Deshalb ließ er:

  • recta cohartare (Richtiges fördern)
  • errata corrigere (Fehler berichtigen)
  • abscindere (Überflüssiges entfernen) 

               

Sprache und Schrift

Karl der Große beauftragte die Entwicklung der karolingischen Minuskeln als Einzelbuchstaben, im Vierliniensystem (wie wir es heute noch kennen)und mit Wortabständen. Es sollte eine einfach lesbare Schrift entwickelt werden, nichts sollte mehr vom Inhalt ablenken (heute Standard der Schriften mit lateinischen Buchstaben).

Majolikatafel mit dem deutschen Text in der ›Paternosterkirche‹ in Jerusalem

Große Aufmerksamkeit wandte er der Bildung seines Volkes zu. Darum gründete er Schulen, besonders in Verbindung mit Klöstern, wo die Kinder Schreiben und Lesen, den Glauben und das Vaterunser lernten; und er ermahnte die Mönche zu fleißigem Unterricht und zu regem Eifer in den Wissenschaften. Oder er ließ Sänger aus Italien kommen, die den Kirchengesang seiner Franken verbessern sollten und berief gelehrte Männer an seinen Hof, um mit ihnen an der Abfassung einer deutschen Grammatik zu arbeiten.

Die Einheit von Kirche und Reich war nun offiziell Staatsdoktrin.

Als Beschützer des Papstes und des christlichen Glaubens war Karl der Große sehr darauf bedacht, dass in seinem Reich jeder das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis kannte.

Karl verordnet das Credo und das Vaterunser als sakrale Formeln des Übertritts aus dem Reich der Finsternis in das Reich des Lichtes. Eine Sünde gegen Gott ist seinem Verständnis nach stets auch ein Treuebruch gegenüber dem Kaiser. Ein Rückfall in das Heidentum wird mit dem Tode bestraft.

         

Kaiser Karls »Reichs-Kirche«

Die Regierungszeit Karls und seines Vaters Pippin (und damit die Zeit von 751 bis 814) bedeutet für die Kirche in Deutschland einen konsequenten und mit Mitteln der Macht betriebenen Aus- und Aufbau. Ein Weg, der mit dem Missionsauftrag des Bonifatius (672 -754) im Jahre 719 begonnen hatte, wird von beiden weiter vorangetrieben.

Neben den bis in die Spätantike zurückreichenden linksrheinischen Bistümern wie Köln, Mainz, Worms, Speyer oder Konstanz werden nun im Frankenreich auch systematisch rechtsrheinisch Bistümer gegründet. Dies immer auch mit dem politischen Ziel verwoben, dass die Franken sich die älteren Stammesherzogtümer wie beispielsweise Sachsen oder Bayern einverleiben wollten.

Unter beiden Herrschern - Pippin und Karl - kommt es zu einer gezielten, beabsichtigten und durchgesetzten Verzahnung von Reichs- und Kirchenpolitik. Ein Weg, der mit Kaiser Konstantin dem Großen begann, findet in Karl eine erstaunlich konsequente Umsetzung.

Das Christentum als Religion der Herrscher wird zur auferlegten und verordneten Religion der Beherrschten. Kaiser und Papst vereinen Staat und Kirche für über ein Jahrtausend auf eine Weise, die sich weit vom Trennungsgebot und Rat Jesu Christi entfernt.

Karl erbt das Bündnis zwischen Franken und dem Papsttum und festigt es endgültig durch seine Kaiserkrönung im Jahre 800 zu einer wechselseitigen Verpflichtung. Von da an gehören in der Sicht vieler Kaiser und Päpste, Staat und Kirche zusammen.

Strittig bleibt oft nur, welche Seite der anderen weisungsbefugt sei. Die Kirche liefert Karl – und in seiner Folge vielen weltlichen Herrschern - eine neue Legitimation für ihre Herrschaft.

Das archaische Charisma der germanischen Könige wird ersetzt durch die kirchliche Salbung; der Glaube des Volkes wird verknüpft mit sakralen Akten wie Kaiser- und Königskrönungen oder gar mit der erzwungenen Taufe der Untertanen. Die Kirche macht sich zur »Mutter« politischer Autorität.

Unter Karl, Kaiser von Gottes Gnaden, wird eine päpstlich-karolingische Verknüpfung manifestiert, die erst 1000 Jahre später unter dem Begriff und dem Anliegen der Säkularisation mühselig wieder voneinander abgegrenzt werden kann.

Schon Papst Leo muss erkennen, dass er sich letztlich keinen Stellvertreter und Schutzherrn, sondern einen Konkurrenten und Herrscher für seine Kirche eingebrockt hat.          

Die letzten Worte Karl des Großen am 28. Januar 814 sollen gewesen sein: »In deine Hände, Vater, befehle ich meinen Geist.«