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Die Region an der Saar im 30-jährigen Krieg 

Die Region an der Saar im 30-jährigen Krieg

Philipp III. von Nassau-Weilburg

1574 erbte Graf Philipp III. die Grafschaft »Nassau-Saarbrücken«. Er führte die Reformation nach lutheri-schem Bekenntnis ein.

Als der Dreißigjährige Krieg 1618 ausbrach (die erste Phase nennt man auch den »Böhmisch-pfälzischen Krieg«), war unsere Gegend davon nicht oder kaum berührt.

Erstmals im Jahre 1624 tauchten Soldaten auf, wovor sich die Bevölkerung im Wald versteckte. Die Folgejahre blieben wohl friedlich, sie sind allerdings kaum dokumentiert. Dafür erreichten im Sommer 1635 die Schrecken des Krieges die Saargegend.

Es kam zu erbitterten Kämpfen zwischen schwedisch-französischen und kaiserlichen Truppen.

Letztere eroberten am 30. September 1635 St. Johann und wenige Tage später Saarbrücken.

Der Dreißigjährige Krieg verheerte Saarbrücken fürchterlich, 1637 lebten nur noch 70 Menschen in der zerstörten Stadt. 

Ludwig XIV. ließ 1677 im Französisch-Niederländischen Krieg Saarbrücken niederbrennen. Bis auf acht Häuser wurde die gesamte Stadt zerstört.

marodierende Soldaten im 30-j. Krieg

Die Soldateska herrschte furchtbar nicht nur in größeren Ansiedlungen, sondern auch in den eh schon ausgelaugten Dörfern: Die Höfe wurden niedergebrannt, die Felder verwüstet, das Vieh vertrieben, die Menschen verjagt oder massakriert.

Wer nicht umgebracht wurde, starb letztlich an Hunger oder Krankheit. Wer in der Lage war zu fliehen, schlug sich in die Fremde durch, gelangte bisweilen bis nach Holland.

Die Grundherren waren nicht mehr in der Lage, ihre Untertanen zu schützen. Schließlich waren sie alle - der Deutsche Orden, die Mönche von Gräfinthal, Wadgassen und Hornbach - längst geflohen oder hatten sich irgendwie mit den jeweils Mächtigen arrangiert.

Es gibt jedoch Chronisten, die die Kriegswirren in Worte zu fassen versuchten. Da heißt es z. B.: »Die Nachkommenschaft wird Mühe haben, zu glauben, was wir schreiben« (Champlon, 1635).

Und unsere Umgebung betreffend: »Saargemünd ist leer, die Dörfer um Saargemünd sind entvölkert, die Truppen haben alles weggenommen... Die Ortschaften... sind bewohnt von wilden Tieren. Nur einzelnes Raubgesindel schleicht sich hie und da in die Ruinen der Dörfer, um das Wenige noch zu plündern, das die Schweden oder Kroaten zurückgelassen haben.«

In der Ortschronik von Ensheim (Helmut und Alexander Wilhelm) ist dazu nur ganz allgemein zu lesen:

»Das Saarland und die Pfalz hatten entsetzlich unter der entmenschten Soldateska zu leiden, die mit Raub, Plünderung, Vergewaltigung und Mord ganze Ortschaften ausrottete. Unsere Gegend wurde der zweifelhaften Ehre zuteil, eine ganze Serie von Nationalitäten beherbergen zu müssen, die furchtbar wüteten. ... Auf dem flachen Lande wurden die Dörfer ausgeplündert und zerstört.«

Eugen Matheis berichtet, dass der Ort zeitweise, vor allem zwischen 1634 und 1636 völlig verödet gewesen sei.

So wird in der Ortschronik auch davon berichtet, dass nur ca. zehn (!) Einwohner das Inferno des 30-jährigen Krieges überlebt hätten.

Damit stand Ensheim immer noch besser da als einige Nachbargemeinden, die entweder ganz ausgestorben waren oder nur noch einen, zwei oder drei Einwohner aufzuweisen hatten.

Auch das Kloster Wadgassen ist von diesen schrecklichen Ereignissen betroffen. Nicht genug, dass der damalige Abt Johann von Berus (1607 - 1634), wie Tritz, op. cit., 98 berichtet, mehr ein Liebhaber weltlicher Freuden war und die Führung der Klosters gerade in dieser schweren Zeit vernachlässigte.

ehem. Kloster Wadgassen, heute: Zeitungsmuseum

Der Graf von Saarbrücken ließ nichts unversucht, um die Mönche in Wadgassen zu spalten, um sich vielleicht so in den Besitz der Abtei setzen zu können. Die Annales der Abtei berichten über diese Zeit wie folgt:

»Der Abt musste sein ganzes Leben im Elend zubringen. Das ganze Land war schließlich nur mehr Einöde und Wald. Hungersnot herrschte allerwege. Eine Quart Getreide kostete 15 - 20 Thaler; zudem war das Geld sehr rar. Solange die Mönche noch in Wadgassen waren, mussten sie in dieser Kriegszeit vom Wilde leben. Hirsche, Wildschweine und Rehe kamen bis vor des Klosters Pforten, wo sie gefangen werden konnten; außerdem fand man von wilden Bienen genug - auch wildes Obst.

Von Nachbarn herbeigerufen kam schwedisches Militär in hiesige Gegend, welches besonders gegen Geistliche sehr hart verfuhr, Auf die grausamste Weise wurden alle Katholiken verfolgt und durch alle erdenklichen Martern gequält. Viele wurden an den Gliedmaßen verstümmelt, andere bekamen den Schwedentrank, wieder andere wurden in Fässer eingeschlossen und von den Bergen herabgewälzt.

Mönchsgewand durfte sich überhaupt nicht sehen lassen; sie hatten die greulichsten Qualen zu erdulden. Wo Menschen fehlten, da ließen die rohen Soldaten ihre Wut gegen die Bilder aus.« (Tritz, op. cit., 101)

Im Jahre 1635 lagen beispielsweise im und um das Kloster Wadgassen fünf Regimenter der als besonders grausam gefürchteten Kroaten. Seit dieser Zeit stand das Kloster leer und war der Zerstörung und dem Verfall preisgegeben.

Von 1635 bis 1644 stand die ganze Grafschaft Saarbrücken unter österreichischer und lothringischer Herrschaft; nach dieser Zeit setzten sich bis 1649 die Franzosen hier fest. Seit 1644 hielten sich der neue Abt Philipp Gretsch (1636 - 1667) und einige Mönche wieder in Wadgassen auf.

In dieser Periode der militärischen Besetzung mußte das Kloster (und damit seine Leibeigenen) wie auch alle anderen Herrschaften dieser Region für die Unterhaltung der fremden Truppen, diesmal für die Franzosen, aufkommen.

Flugblatt von 1648 zum Ende d. Krieges

Der 30-jährige Krieg wurde durch den »Westfälischen Frieden« von Münster und Osnabrück im Jahre 1648 beendet.

Dennoch wurde unsere saarländische Heimat auch in den nächsten Jahrzehnten mehrfach von Krieg und Zerstörung heimgesucht.

Noch 1652 wird uns berichtet:

»Alles war verfallen und zerstört, aber nicht verbrannt. Die Güter konnten nicht bebaut werden, weil es an Leuten und Vieh fehlte. Die Herren mussten selbst die Hacke zur Hand nehmen, um das Nötigste anzupflanzen. Der Boden brachte reichlich.

Als man nun wieder etwas gesammelt hatte, verbarg man es zwischen zwei Gewölben über der Sakristei. Dahin brachten auch andere Leute ihr Weniges. Aber 1652 kamen die Schweden, welche noch in St. Avold lagen, und plünderten alles.« (Tritz, op. cit., 103)

Im selben Jahr vermerkte der Abt auf einer Kirchenrechnung:

»Die meisten Einwohner sind tempore belli et maxime A. 1634 - 35 - 38 im höchsten Aufruhr, was sich nicht anders wohin salvirt hat, peste, fame, bello gestorben.« (Tritz, a.a.O.)

Philipp Gretsch zufolge ist das Kloster Wadgassen im 30-jährigen Krieg und in den Jahren danach über hundertmal (!) geplündert worden. Erst nach 1652 kehrte wieder etwas Ruhe ins Land und die Mönche konnte mit dem Wiederaufbau des Klosters beginnen.

Es dauerte Jahrzehnte, bis sich unsere Gegend - nach dem Friedensschluss von Münster im Jahre 1648 - von diesem, gerade auch die Zivilbevölkerung in Mitleidenschaft ziehenden Krieg einigermaßen erholte. Die praktisch verlassenen Dörfer wurden erst nach und nach wieder besiedelt.

Eine Bestandsaufnahme seitens des Deutschen Ordens aus dem Jahre 1679 belegt, daß das Dorf nur wenige Bewohner hatte, viele Felder noch immer unbestellt waren und die meisten Höfe in Trümmern lagen.

Die Reunionskriege hemmten dazu den Wiederaufbau, der dann aber zum Ausgang des 17. Jahrhunderts, auch dank des Zuzugs von Tiroler Einwanderern, doch in Gang kam.

Doch nicht nur landwirtschaftlich geprägte Einwanderer bevölkerten die zerstörten Dörfer und bestellten die brachliegenden Flächen, auch einfache Arbeiter kamen und legten mit ihren Kenntnissen und Fähigkeiten den Grundstein für eine Industrialisierung des Gebietes an Saar und Blies.

Eisenschmelzer und Hammerschmiede aus Wallonien, Lothringen, dem Elsass, der Schweiz, aus Österreich, der Franche Comté und dem Languédoc brachten ihr Fachwissen an die vom 30-jährigen Krieg darnieder liegenden Eisenschmelzen der Saarregion.

Sie hüteten die Fertigkeiten ihres Berufes als Geheimnis, das sie nur innerhalb der Familien weiter vererbten. Der Sohn eines Schmelzers wurde Schmelzer und heiratete eine Schmelzertochter, und die Hammerschmiede machten es ebenso. Sie waren frei von Fron und besaßen kein eigenes Land, sondern sie wanderten von Eisenwerk zu Eisenwerk.

So spannen sie das Netz ihrer Sippen über halb Europa. Die Fremden brachten nicht nur ihr Können, ihre Kultur und ihre Religion, sie brachten auch Flexibilität und neue Impulse.

Sie waren die Paten an der Wiege der europäischen Stahlindustrie.

Viele der heutigen Saarländer stammen von ihnen ab und so haben sie - meist ohne es zu wissen - einen 300 Jahre alten Migrationshintergrund.