Der römische Vicus in Dalheim 

Vor- und frührömisches Dalheim 

Gallo-Römisches Theater Dalheim, Foto: Johnny Chicago

Südlich von Dalheim, auf halber Strecke zwischen Perl und Luxemburg-Stadt, im ehemaligen Stammesgebiet der »Treverer«, befand sich ein römischer »Vicus«. 

Ein »Vicus« (Plural: Vici) ist eine Siedlung mit kleinstädtischen Charakter in den Nordwest-Provinzen des Römischen Reichs. Der wirtschaftliche Schwerpunkt solcher Siedlungen lag in der gewerblichen Produktion, Handwerk, Handel und Dienstleistungen.

Die Bezeichnung war unabhängig von der Siedlungsgröße, je nach Funktion reichte ihre Größe von einer kleinen Straßensiedlung bis zur Ausdehnung zeitgenössischer Städte.

Auf dem Gebiet des Vicus von Dalheim wurden auch frühere Funde gemacht, wodurch eine spätlatènezeitliche Vorgängersiedlung aus der Zeit von etwa 350 bis 20 vor Christus mit Spuren bis in die Urnenfelderzeit (1250- 750 vor Chr.) angenommen wird.

Die Siedlung scheint nach dem Trevereraufstand von 30/29 v. Chr. verlassen zu sein, doch schon um 18/17 v. Chr. wurde sie im Zuge der Errichtung einer Fernstraße als geeigneter Etappenort wiederbelebt und bestand von da an rund 400 Jahre. Zu dieser Zeit trug sie den Namen »Ricciacum«. 

          

Auf »Pëtzel«: Trümmerstätte einer römischen Landstadt  

- Chronologie  -

Auf dem höchsten Punkt einer nach Südwesten hin sanft abfallenden Hochebene des Luxemburger Sandsteingebietes erstreckt sich südlich von Dalheim in der Flur »Pëtzel« die Trümmerstätte einer römischen Landstadt (»Vicus«). Die wissenschaftliche Erforschung des Areals hatte bereits mit den Arbeiten des gelehrten Jesuitenpaters Alexander Wiltheim (1604-1684) begonnen. 

Die inmitten fruchtbaren Ackerlandes gelegene Ansiedlung zog seit dem 17. Jahrhundert durch aufsehenerregende Funde immer wieder das Interesse der Altertumsliebhaber auf sich. So z.B. im Juni 1842 durch einen Schatzfund von 24.000 Münzen aus konstantinscher Zeit.

Erste großflächige Ausgrabungen wurden auf Anregung der damaligen archäologischen Gesellschaft in Luxemburg bei Straßenbauarbeiten in der Mitte des 19. Jahrhunderts durchgeführt und zwischen 1851 und 1855 in drei ausführlichen Berichten publiziert.

Die bedeutsamen Ergebnisse dieser ersten offiziellen Ausgrabungen regten in der Folgezeit zahlreiche Privatleute, unter ihnen der Dalheimer Notarschreiber E. Dupaix, zu unsachgemäßen Schatzgräbereien an.  

Das auf diese Art zutage geförderte, zum Teil ins Ausland verstreute, umfangreiche Fundmaterial erlaubte es, einen gewissen Einblick in die Geschichte der römischen Stadt bei Dalheim zu gewinnen. Viele archäologisch wie historisch relevante Fragestellungen blieben aber ungeklärt.

Eine neue Phase in der Erforschung des römischen Vicus von Dalheim trat erst 1976 ein, als die Luftbildarchäologie einen großen Teil des Gesamtplans der Ansiedlung erschloss. 

Außerdem schuf der Luxemburger Staat mit dem Ankauf von Grund und Boden in der Flur »Pëtzel« die Voraussetzungen für systematische und großflächige Ausgrabungen. 

So konnte das Luxemburger Museum zwischen 1977 und 1986 ein privates Wohnviertel, das an die Hauptstraße der Siedlung grenzt, vollständig untersuchen.

Parallel zu diesen Ausgrabungsarbeiten wurde der Gesamtplan des Vicus im Sommer 1979 durch neue Luftbilder vervollständigt. Auch konnte 1982 in Dalheim selbst (»Hossegronn«) ein Teilstück einer regelrechten Gräberstrasse des Vicus ausgegraben werden.

In nur 70 m Entfernung von diesen Gräbern kam es dann 1985, im felsigen Steilhang zwischen dem Plateau »Pëtzel« und dem Dorf im Tal, zur Entdeckung eines teilweise noch sehr gut erhaltenen gallo-römischen Theaters.

Nach dem Ankauf des Geländes im Jahr 1998, konnte das Theater in den Jahren 1999 bis 2003 und 2007/2008 vollständig freigelegt werden.

Von 1986 bis 1998 wurden die archäologischen Untersuchungen im Tempelbezirk des Dalheimer Vicus mit der Ausgrabung zweier außergewöhnlich großer Kultbauten fortgesetzt. 

Bei Notgrabungen in Dalheim selbst wurde 2003/2004 und 2008/2009 ein Teilbereich der Thermenanlage des Vicus untersucht. 

Auf der Grundlage der seit 1977 gewonnen Erkenntnisse sowie diverser geophysikalischer Messungen in den Jahren 1995, 2006, 2007 und 2010 ist es heute möglich, ein recht detailliertes Bild von der Ausdehnung, dem Aufbau und der Geschichte des römischen Vicus in Dalheim zu zeichnen. 

                   

Ricciacum - Dalheim an der »Agrippa-Straße«

Das Areal des römischen Vicus von Dalheim liegt etwa zehn Kilometer nördlich der Grenze zwischen den Territorien der Stammesgemeinden der Treverer und der Mediomatriker.

Die Ansiedlung, die etwa auf halbem Weg zwischen den Hauptorten dieser beiden gallischen Volksstämme (›Augusta Treverorum‹ - Trier und ›Divodurum Mediomatricorum‹ - Metz, [Divodurum →Götterburg]) gegründet wurde, überragt sozusagen einen nahezu gradlinigen, 23 Kilometer langen Abschnitt der so genannten Agrippa-Straße auf der linken Moselseite. Die Straße fügt sich ein in das durch Marcus Vipsanius Agrippa von Lugdunum (heute Lyon) ausgehend geplante und in Angriff genommene Straßennetz.

Es ist anzunehmen, dass dieser Streckenabschnitt im heutigen Luxemburg von Dalheim aus geplant wurde. 

Die bedeutende römische Fernstraße vom Mittelmeer zum Rhein über Arles, Orange, Vienne, Lyon, Chalon-sur-Saône, Dijon, Langres, Toul, Metz, Trier nach Mainz und Köln, deren Planung und Erbauung auf den engsten Mitarbeiter des Kaisers Augustus, M. Vipsanius, der schon oben erwähnte Agrippa, zurückgeht und die nach ihm benannt wurde (»Via Agrippa«), stellte während mehr als vier Jahrhunderten die Hauptlebensader des römischen Dalheim dar.

Die in der Nähe von Dalheim gefundenen Meilensteine (Leugensteine) legen Zeugnis ab von der großen Bedeutung dieses überregionalen Verkehrswegs. 

Sieben in Dalheim entdeckte »Bleitesserae« (eine Art geprägte Ersatzmünze) mit den Inschriften »RICCIAC« bzw. »RICC«, der Flurname »Ritzig / Rëtzeg«, der unmittelbar westlich an das Siedlungsareal des Vicus angrenzt, sowie eine erste 2008 in den Thermen gefundene Steininschrift liefern den Beweis für die Identifizierung der Dalheimer Ansiedlung mit der Straßenstation »RICCIACO«. Diese ist auf der sogenannten »Tabula Peutingeriana« verzeichnet. 

          

Die frühkaiserzeitliche Strassenstation - eine römische Neugründ-ung aus augusteischer Zeit ?

Trotz verschiedener Hinweise auf eine latènezeitliche Vorgängersiedlung, u.a. Schmuckstücke und über 130 keltische Münzen, handelt es sich beim Dalheimer Vicus um eine römische Neugründung aus augusteischer Zeit.

Die Entstehung der Ansiedlung muss in engem Zusammenhang mit der Planung und der Erbauung der römischen Fernstraße Lyon-Metz-Trier-Rhein um 17 v. Chr. gesehen werden. Seine Funktion als Etappenort (»mansio-mutatio«) bestimmte bis ins 5. Jahrhundert n. Chr. hinein das Gesicht des Ortes.

Die großflächigen Ausgrabungen von 1977 bis 1986 im Zentrum des Vicus und am Rande der Hauptstraße haben gezeigt, dass, trotz massiver späterer Eingriffe, die Überreste aus der Frühphase der römischen Ansiedlung noch recht gut erhalten sind.

So konnte nachgewiesen werden, dass die Hauptstraße in der Anfangsphase nur 5,50 m breit war und der Straßendamm seitlich von einem 0,80 m breiten hölzernen Abwasserkanal, einem 10 m breiten, unbebauten Streifen und schließlich einem 1,80 m breiten, ›V‹-förmigen Spitzgraben begrenzt wurde.

Die eigentliche Bebauung setzte offenbar erst in rund 13 m Entfernung von der Straße an. Wie in anderen frühkaiserzeitlichen Zivilsiedlungen unserer Gegenden, handelt es sich bei den ältesten römischen Bauten der Dalheimer Siedlung um Holz- und Fachwerkkonstruktionen, deren Unterbau (Schwellbalken und Pfostenlöcher) in den gewachsenen Boden eingegraben war.

Zu den teilweise unterkellerten Häusern gehörten 5 m tiefe Brunnen, große rundlich-ovale oder quadratische in den felsigen Untergrund eingehauene Vorratsgruben von bis zu 2 m Durchmesser und 2,10 m Tiefe sowie Abfallgruben unterschiedlicher Größe und Form.

Die Vielzahl der Pfostenlöcher, ihre unterschiedliche Form und Tiefe sowie ihre Verfüllung zeigen an, dass innerhalb der frühkaiserzeitlichen Siedlung mit verschiedenen Bauphasen zu rechnen ist, was bei einer Holzarchitektur allerdings nicht verwundert.

Die Auswertung des überaus reichen archäologischen Fundmaterials aus der Frühphase, besonders der Keramik, der Fibeln und der Münzen, zeigt deutlich, dass die Ansiedlung von Dalheim zeitgleich mit den frühesten römischen Militärlagern am Rhein, wie Dangstetten oder Oberaden, entstanden ist.

Verschiedene Fundstücke haben eindeutig militärischen Charakter. Graffiti auf Keramikgefäßen liefern uns italische und einheimische Namen und bezeugen somit für die Frühzeit eine gemischte Bevölkerungsstruktur.

Durch seine Lage an einer römischen Fernstraße, die zunächst hauptsächlich angelegt worden war, um die rasche Verlegung römischer Truppenverbände in die Militärlager am Rhein und deren Versorgung zu garantieren, könnte Dalheim um 15 v. Chr. den Titelberg als logistische Basis im Treverergebiet abgelöst haben. 

Seine Funktion als Etappenort an einer der wichtigsten Verkehrsadern des römischen Gallien sicherte Dalheim während der ganzen Epoche von Augustus bis Nero eine erste Phase des Wohlstands. 

               

Die Blütezeit  Die Blütezeit der römischen Ansiedlung in Dalheim 

Die erste Blütezeit des Dalheimer Vicus endete in den Wirren des großen Aufstandes der Bataver und Treverer in den Jahren 69 und 70 n. Chr.

Unter Kaiser Vespasian (69-79 n.Chr.), unmittelbar nach der Niederwerfung der Aufstandsbewegung durch Petilius Cerealis, begann für die Dalheimer Ansiedlung eine neue Phase, die innerhalb weniger Jahrzehnte aus dem Ort eine der bedeutendsten römischen Landstädte des nordgallischen Raumes machen sollte.

Im Rahmen einer ohne Zweifel von »auswärts« gesteuerten Maßnahme wurde das gesamte Areal der Holzbausiedlung aus julisch-claudischer Zeit im Jahre 70, spätestens jedoch 71 n. Chr. einplaniert und vollkommen neu aufgeteilt.

Die Hauptstraße der Siedlung wurde von 5,50 m auf 10-12 m verbreitert. Die Holzbauten der Frühphase machten genau parzellierten Steinbauten mit neuen Kellern und neuen Brunnen Platz.

Eine mächtige, 5 m breite Portikus (Laubengang) wurde zur Hauptstraße hin errichtet. Die Neuaufteilung der Siedlungsfläche, verbunden mit einem regelrechten Bauboom, gab dem Dalheimer Vicus in kürzester Zeit das Aussehen einer mediterranen Stadt.

Sie hatte diverse Straßenzüge mit privaten und öffentlichen Gebäuden, einem ausgedehnten Tempelbezirk mit mehreren Kultbauten, einem Marktplatz, Herbergen, Läden, Werkstätten von kleineren Handwerkern und größere Manufakturen.

Es ist anzunehmen, dass sowohl das Theater als auch die anderen öffentlichen und religiösen Gebäude der Ansiedlung (Thermen, Tempel) im Rahmen eines groß angelegten, gemeinsamen Bauprogramms errichtet wurden.

Demnach muss davon ausgegangen werden, dass alle die erwähnten Baumaßnahmen einhergingen mit einer neuen, zentralörtlichen Funktion, welche der Dalheimer Ansiedlung, über ihre Rolle als Straßenstation an der wichtigen Verkehrsstraße vom Mittelmeer zum Rhein hinaus, von der römischen Verwaltung zugewiesen worden war.

Man wird am ehesten annehmen müssen, dass der Vicus für zwei Jahrhunderte den Hauptort eines »Pagus« im Südwesten der »Civitas Treverorum« bildete. 

Die Stadt war also nicht nur das wirtschaftliche Zentrum, sondern darüber hinaus auch der administrative, kulturelle und religiöse Mittelpunkt einer ganzen Region. Am Ende des 2. und in der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts umfasste der Vicus von Dalheim eine Gesamtfläche von über 35 Hektar mit einer Bevölkerung von 1500 bis 2000 Einwohnern. 

              

Handel und Gewerbe

Funde aus dem Vicus Dalheim

Aufgrund seiner primären Funktion als Straßenstation an einem wichtigen überregionalen Verkehrsweg setzte sich die Bevölkerung des Dalheimer Vicus in erster Linie aus Gewerbebetreibenden zusammen. So konnte zwischen 1977 und 1986, in zehn Grabungskampagnen, ein typisches privates Viertel im Zentrum der Ansiedlung und in unmittelbarer Nachbarschaft zur Hauptstraße untersucht werden, von der Straße nur durch einen überdachten Laubengang (›Portikus‹) getrennt.

In Gaststätten und Herbergen wurde für das leibliche Wohl der Durchreisenden gesorgt, während verschiedene spezialisierte Handwerker (Schmiede, Wagner, Riemenschneider)  für ihre materielle Ausstattung sorgten.

Fahrende Kaufleute boten aus anderen Gegenden des Reiches, besonders aus Mittelmeerraum importierte Waren (Luxusgüter und Nahrungsmittel) zum Verkauf an und vervollständigten somit das lokale Angebot. Die zahlreichen Landgüter der Umgebung (Villen) garantierten die ständige Versorgung mit Fleisch und landwirtschaftlichen Produkten aller Art.

Tausende von Münzen, zahlreiche, sehr verschiedene Werkzeuge und Handwerksgeräte sowie unzählige andere Utensilien zeugen von der ungeheueren wirtschaftlichen  Blüte der Dalheimer Ansiedlung in der Zeit vom Ende des 1. bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts.

Dieser ökonomische Aufschwung erklärt auch die gewaltigen Baumaßnahmen, die in 30iger und 40iger Jahren des zweiten Jahrhunderts erfolgten. So wurden im Tempelbezirk, auf der höchsten Stelle der Ansiedlung, zwei nebeneinander liegende, ungewöhnlich große Kultbauten errichtet, welche mit ihrer eindrucksvollen Silhouette nicht nur das Aussehen der Ortschaft, sondern die gesamte Umgebung prägten.

Das reiche Fundmaterial aus den letzten 150 Jahren verdeutlicht die ganze Spannweite der handwerklichen Aktivitäten in Dalheim. So sind das Weben, das Spinnen und das Textilgewerbe im Allgemeinen sowie die Verarbeitung von Leder, Eisen und Knochen gut dokumentiert.

Die Werkstätten von erfahrenen Bronzehandwerkern schufen Schmuckstücke, Statuetten und verschiedene andere Utensilien des täglichen Gebrauchs (u.a. Griffe von Klappmessern und Spateln). 

Die verschiedenen Berufsgruppen des florierenden Bauhandwerks (Steinmetz, Maurer, Schreiner, Zimmermann) sind ebenfalls gut vertreten.

Die Ausgrabungen von 1850 sowie die geomagnetischen Prospektionen von 2007 haben gezeigt, dass es in Dalheim mindestens zwei verschiedene Töpfereizentren gab. Die Existenz der einen oder anderen privaten Ziegelei in der direkten Nachbarschaft ist ebenfalls wahrscheinlich.  

             

Das gallo-römische Theater - Meisterwerk ersten Ranges mit Platz für über 3.500 Besucher

Im Jahre 1985 kam es bei Bauarbeiten im »Hossegronn« zu jener Entdeckung, die deutlicher als alle anderen bis dahin ergrabenen Befunde die besondere Bedeutung des Dalheimer Vicus zeigte: 

Im felsigen Steilhang (»Fielsgaart«) zwischen dem Plateau »Pëtzel« und dem Dorf im Tal konnte im Verlauf einer dreimonatigen Grabungskampagne auf privatem Terrain der Grundriss eines zum Teil noch sehr gut erhaltenen gallo-römischen Theaters geklärt werden.

Nach dem Ankauf des größten Teils des Geländes durch den Staat bzw. die Dalheimer Gemeinde konnte das Theatergebäude zwischen 1999 und 2003 vollständig freigelegt werden. Ergänzende archäologische Untersuchungen wurden 2007/2008 durchgeführt .

So wie dies bereits die Ausgrabung von 1985 verdeutlicht hatte, weist das Theatergebäude, das dem so genannten gallo-römischen Bautypus entspricht, zwei Hauptbauphasen auf:

Das erste Theater wurde bereits im ersten Viertel des 2. Jahrhunderts errichtet. Von der Konzeption und der Bautechnik her stellt das Gebäude von 62,50 m Durchmesser ein Meisterwerk ersten Ranges dar.

Der ungeheure wirtschaftliche Aufschwung, den der Vicus in 30er und 40er Jahren des 2. Jahrhundert erlebte, aber ganz offensichtlich auch statische Probleme des ersten Gebäudes führten dazu, dass das Theater vollständig umgebaut und die Außenmauern zum Teil sogar neu errichtet wurden.

Bei diesen Baumaßnahmen, welche auch zu einer massiven Verstärkung der äußeren Ecken der Fassade führten, wurde das Theatergebäude komplett mit Sitzbänken aus Stein ausgestattet, um nunmehr über 3.500 Besuchern Platz zu bieten. 

Um die Mitte des 3. Jahrhunderts verlor das große öffentliche Versammlungsgebäude des Vicus seine ursprüngliche Funktion und sein direktes Umfeld wurde teilweise zur Entsorgung von Abfall genutzt.

Die Ausgrabungen von 2007/2008 lieferten aber auch offensichtliche Spuren der Germaneneinfälle der 275/276 Jahre. Bei den Wiederaufbauarbeiten des Vicus nach den verheerenden Zerstörungen des 3. Jahrhunderts wurde die Ruine des Theatergebäudes als Steinbruch genutzt. 

Zu Beginn des 4. Jahrhunderts, wohl unter Konstantin dem Großen, wurden über 360 Steinblöcke der oberen Sitzreihen des Theaters in den Fundamenten eines kleinen, am Rande des Plateaus errichteten militärischen Straßenpostens (»Burgus«) wieder verwendet. 

              

Die Thermen - die öffentliche Bäderanlage des Vicus

Schon bei Bauarbeiten in den Jahren 1962 und 1978 fanden sich in der ›Hossegaass‹ Hinweise auf gut erhaltenes römisches Mauerwerk.

2003/2004 konnten dann im Innenhof des ehemaligen Café Simon mehrere Räume aus römischer Zeit angeschnitten werden. Sie wurden nach dem Ankauf des Besitztums durch die Gemeinde Dalheim und nach dem Abriss mehrerer Dependenzen von Juli 2008 bis Dezember 2009 weiter ausgegraben.

Unter modernen und mittelalterlichen Gebäudestrukturen fanden sich insgesamt acht Räume des römischen Thermenkomplexes. Außerdem fand man einen Teil des von einem Säulengang umgebenen Außenbereiches der Anlage mit dem Ansatz der angrenzenden Bebauung im Osten.

Foto: Christian Ries

Den südlichen Teil der Grabungsfläche nimmt die »Palaestra« (der für Sport und Spiel genutzte Außenbereich der Thermen) ein, welche sich auch über die Grabungsgrenze hinaus erstreckt. 

Im Osten (zur ›J.-P.-Hentzen-Strooss‹ hin) konnte eine Reihe von neun Pfeilerfundamenten der »porticus« ausgemacht werden, welche zu einem überdachten Laubengang gehörte. Die Badebecken der Thermen befanden sich im Nordwesten der Grabungsfläche und setzen sich im Bereich der Straßenkreuzung ›Kettengaass / Hossegaass‹ fort.

Hier konnte das »frigidarium« das Kaltbad mit Badebecken aus zwei Umbauphasen untersucht werden sowie ein kleiner Ausschnitt eines Raumes mit Fußbodenheizung (»hypocaustum«) bei dem es sich möglicherweise um das »tepidarium« (Laubad) der Thermen handelt.

In einem weiteren Raum, der sich bis unter der ›Hossegaass‹-Bades erwähnt wird, ist nun »Ricciacum« als Name der römischen Siedlung in Dalheim endgültig bestätigt.

Eine weitere Inschrift, eine Statue und diverse Kleinfunde lassen hier einen Weihebezirk im Thermenkomplex vermuten. Die Grabungen brachten ein außergewöhnlich reiches Fundmaterial zutage, welches Rückschlüsse auf die verschiedenen vor Ort praktizierten Aktivitäten erlaubt:

Spielsteine und ein Würfel zeugen vom Freizeitcharakter der Anlage, eine Pinzette sowie mehrere Spatel und Sonden aus Bronze wurden für die Körperpflege verwendet. Die große Anzahl an Haarnadeln, Fingerringen, Armreifen, Perlen und Fibeln wurde wohl von den Badegästen während ihres Besuches verloren.

Besonders aussagekräftig sind die 1.700 gefundenen Münzen, welche fast alle Schichten oder Befunden zugeordnet werden können und so eine recht präzise Datierung der verschiedenen Bau- und Nutzungsphasen der Anklage erlauben.

Da die Auswertung noch nicht abgeschlossen ist, lässt sich derzeit nur sagen, dass das Gelände vom Ende des 1. bzw. Anfang des 2. Jahrhunderts an genutzt wurde und der Thermenkomplex die fast alle Schichten oder Befunden zugeordnet werden können und so eine recht präzise Datierung der verschiedenen Bau- und Nutzungsphasen der Anklage erlauben. 

Der Thermenkomplex hatte bis etwa in die Mitte des 4. Jahrhunderts bestanden, als das Gebäude einem Brand zum Opfer fiel. 

                

Götter und Kult Ricciacum: Ein bedeutendes religiöses Zentrum

Seit den Funden aus Mitte des 19. Jahrhunderts und besonders seit den Ausgrabungen des Notarschreibers E. Dupaix von 1863/64, die nicht nur zur Freilegung eines seltenen Achtecktempels führten, sondern auch zwei einzigartige Bronzestatuetten von Jupiter und Minerva ans Tageslicht brachten, ist bekannt, dass die römische Ansiedlung von Dalheim auch ein bedeutendes religiöses Zentrum im Süden der Civitas der Treverer darstellte.

Kein anderer Vicus in Nordost-Gallien hat bisher eine solche Vielfalt an Zeugnissen der Götterverehrung geliefert wie derjenige von Dalheim.

Nachdem die Luftbildarchäologie in den Jahren 1976 und 1979 gezeigt hatte, dass der ganze nord-östliche Bereich des Vicus auf dem Plateau von einem größeren Tempelbezirk eingenommen wird, konnte zwischen 1986 und 1998 die Parzelle untersucht werden, welche unmittelbar südlich an die Grabung von 1863/64 angrenzt.

Diese Ausgrabungen ermöglichten nicht nur die Freilegung zweier ungewöhnlich großer Tempelgebäude aus hadrianischer Zeit (um 130 n.Chr.), sie zeigten auch, dass an gleicher Stelle bereits in vespasianischer Zeit (71 n.Chr.)

Relief der röm. Göttin ›Epona‹, der Göttin der Pferde, Foto: Owen Cook

Zwei typische gallische Umgangstempel errichtet worden waren. Trotz zahlreicher interessanter Aufschlüsse zu den Kultgebräuchen in römischer Zeit, haben die bis in die Mitte des 3. Jahrhunderts genutzten Kultbauten bedauerlicherweise die Namen der darin verehrten Gottheiten nicht preisgegeben. 

Aufgrund des vorliegenden Fundmaterials (Statuetten aus Bronze, Stein und Ton sowie andere Votivgaben) zeigt sich mehr und mehr, dass in Dalheim eine der Hauptkultstätten der Minerva-Verehrung im nordgallischen Raum bestanden haben muss.

Ingesamt kann gesagt werden, dass mit Minerva, Merkur und Epona das religiöse Leben in Dalheim von drei Gottheiten dominiert wurde, die in einem gewissen Sinn die primäre Funktion des Vicus als Handwerker- und Händlersiedlung sowie Straßenstation an einer wichtigen römischen Verkehrsachse illustrieren.

Zumindest von der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts bis zu den Germaneneinfällen im 3. Jahrhundert spielte auch der Kult des Jupiter Optimus Maximus eine große Rolle im Dalheimer Kultgeschehen. Daneben wurden noch Mars, die Di Casses, Fortuna, Ceres, Vesta, Victoria, die Fortuna Nemesis sowie verschiedene Muttergottheiten verehrt. 

            

Gräber und Bestattungssitten Nekropolen: »Hossegronn« als Begräbnis-platz genutzt

Naturgemäß gehörten zu einer römischen Ansiedlung von der Größe des Dalheimer Vicus auch mehrere Nekropolen (baulich gestaltete Totenstädte). 

Während die ältesten Gräberfelder des Ortes an den Ausfallstraßen nach Metz im Süden und nach Trier im Norden lagen, wurde ab der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. vor allem das Tälchen des »Hossegronn« als Begräbnisplatz genutzt.

Hier erstreckte sich in der mittleren Kaiserzeit eine regelrechte Gräberstraße mit zum Teil monumentalen Grabdenkmälern und unzähligen Brandgräbern. Nach mehreren vorausgegangenen Zufallsfunden konnte im Jahre 1982 ein kleines Teilstück dieses Friedhofs im Rahmen einer mehrwöchigen Notausgrabung  untersucht werden.

Auf einer Gesamtfläche von rund 60 qm kamen die Reste zweier unterschiedlich gestalteter Grabdenkmäler sowie etwa vierzig Brandgräber zum Vorschein. 

Da bisher keine dieser Nekropolen vollständig untersucht wurde, sind es vor allem isolierte Funde wie Steinblöcke von Grabmonumenten, etwa zwanzig teilweise nur fragmentarisch erhaltene Grabinschriften und diverse Grabbeigaben, die Zeugnis ablegen von den Bestattungsbräuchen der Bevölkerung des Ortes in dieser Epoche. 

Zwei Körpergräber, welche bei den Ausgrabungen im »Hossegronn« gefunden wurden, belegen den Wandel der Grabsitten in den bewegten Zeiten der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts. Ein Friedhof des 4. Jahrhunderts mit Körperbestattungen lag allem Anschein nach im Bereich der heutigen Dalheimer Pfarrkirche Sankt-Peter. 

         

Die Spätantike - die Veränderungen der Spätantike

Die verheerenden Germaneneinfälle der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts brachten für den Dalheimer Vicus das jähe Ende einer langen Blütezeit mit sich. 

Nach Aussage mehrerer Münzschatzfunde und der Zerstörungsschichten im Innern der Ansiedlung wurde der Ort im Jahr 260, um 268/270 sowie besonders um 275/276 mehrere Male das Opfer von umher ziehenden Germanenhorden, welche die öffentlichen Gebäude und die Häuser ausplünderten und niederbrannten.

Die verheerenden Zerstörungen, die allgemeine Unsicherheit der Zeiten und wahrscheinlich auch der Zusammenbruch der lokalen Verwaltungsstrukturen führten zur endgültigen Aufgabe der meisten öffentlichen Gebäude (Tempel, Theater).

Ab den Achtzigerjahren des 3. Jahrhunderts erholte sich die Dalheimer Ansiedlung allmählich wieder von diesem Schock. Als Erstes dürften die Einrichtungen der Straßenstation wieder funktionsfähig gemacht worden sein. 

Interessant ist, dass bei den Wiederaufbauarbeiten am Ende des 3. Jahrhunderts und zu Beginn des 4. Jahrhunderts unzählige Spolien von den früheren Großbauten in Privathäusern vermauert wurden. Dies beweist eindeutig, dass die öffentlichen Gebäude des Vicus zu diesem Zeitpunkt sicher nicht mehr in ihrer ursprünglichen Funktion genutzt wurden.

Zu Beginn des 4. Jahrhunderts, wohl unter Konstantin dem Großen, wurden über 360 Steinblöcke der oberen Sitzreihen des Theaters in den Fundamenten eines kleinen, am Rande des Plateaus errichteten militärischen Straßenpostens (»Burgus«) wiederverwendet.

Der um 317 n.Chr. in drei großen Tongefäßen versteckte Hort von 24.000 Münzen wurde in der Nähe dieser Befestigungsanlage entdeckt. Das spätantike Fundmaterial aus Dalheim zeigt deutlich, dass ab dem Ende des 3. Jahrhunderts neue Elemente in der Bevölkerung der Ansiedlung auftauchen.

Einerseits macht sich in allen Lebensbereichen der Einfluss des Militärs bemerkbar. Auf der anderen Seite scheinen sich mehr und mehr germanische Familien in dem Ort niedergelassen zu haben.

Ein Fingerring aus Bronze mit Christogramm und Schiff belegt darüber hinaus das frühe Christentum für den Dalheimer Vicus. Ein Friedhof des 4. Jahrhunderts mit Körperbestattungen lag im Bereich der heutigen Dalheimer Kirche. Nachdem die Dalheimer Straßenstation um 353/355 erneut von germanischen Plünderern niedergebrannt worden war, lebte der Ort in valentinianisch-gratianischer Zeit noch einmal auf, um dann in den Germanenstürmen zu Beginn des 5. Jahrhunderts endgültig unterzugehen. 

Da die Auswertung noch nicht abgeschlossen ist, lässt sich derzeit nur sagen, dass das Gelände vom Ende des 1. bzw. Anfang des 2. Jahrhunderts an genutzt wurde und der Thermenkomplex. 

              

Das Adlerdenkmal

Adlerdenkmal, Foto: Johnny Chicago

Das »Adler-Denkmal« erinnert an die vormalige römische Ortschaft Ricciacum und bildet zugleich das Wahrzeichen von Dalheim. 

Die gewaltigen Steinquader, die den massiven Denkmalsockel bilden, wurden im letzten Jahrhundert unweit ihres heutigen Standortes ausgegraben. Die Wissenschaftler glauben, dass diese Steinblöcke aus dem bereits in römischer Zeit (Mitte des 3. Jhdt) abgetragenen Theater stammen könnten. 

Das Adler-Denkmal selbst wurde im vorletzten Jhdt. von der »Archäologischen Gesellschaft Luxemburgs« errichtet. 

Am 28. Mai 1855 feierte man die Grundsteinlegung im Beisein von Wilhelm III., König der Niederlande und Großherzog von Luxemburg, der zusammen mit seinem Bruder und Stellvertreter im Großherzogtum, dem Prinzen Heinrich, an den Feierlichkeiten teilnahm. 

Durch das Denkmal wollte man der Präsenz Roms auf dem Dalheimer Plateau »Petzel« gedenken. Der Adler auf der Weltkugel stehend, scheint nach Trier zu schauen, während der Körper der Stadt Metz zugewandt ist. Diese Haltung soll die Straßenverbindung Metz – Trier symbolisieren, da sie ja die einstige Lebensader der Römersiedlung war.

         

Quelle: ricciacus.lu